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Mission: Transition

Seit über 2 Jahren gibt es eine Transition Town Gruppe in Dresden (hauptsächlich präsent durch die Website http://dresden-im-wandel.de). Immer mal wieder taucht die Frage nach dem Selbstverständnis, der Haltung und den Zielen dieser Gruppe auf, sowohl von Außenstehenden als auch bei den Mitgliedern untereinander. Als Teil dieser Gruppe möchte ich mich zu dieser Frage und Thematik etwas ausführlicher äußern.

Für mich ist Transition schon mal nichts, was sich in wenige Worte fassen lässt – und das finde ich auch gut so. Es beinhaltet so viele Dimensionen und Bereiche, dass der Versuch einer Definition oder Beschreibung mit wenigen Worten es nur unnötig einengen würde. Verbindendes Element ist der Wandel hin zu einer nachhaltigen und resillienten Lebensweise: lokal, bio, fair, ressourcenschonend, selbstgemacht, ganzheitlich, sozial, achtsam – um ‚Transition‘ mit ein paar Schlagworten zu versehen.

„Die Zukunft ist unter der Diktatur der Gegenwart abhanden gekommen.“ ** S.27

Peak-Oil, Klimawandel oder Wachstumsgrenzen spielen für mich eine eher nebengeordnete Rolle. Wichtiger sind mir die Motivatoren auf der persönlichen Ebene: Selbstverantwortung, Selbstentfaltung, soziales Eingebundensein. Ich bin selbst weder im Gartenbau aktiv, noch handwerklich sonderlich begabt, ich weiß nicht viel über alternative Energieerzeugung und kann weder Ver- noch Gebrauchsgüter selbst herstellen. Mich interessieren Prozesse und Verfahrensweisen – nicht der (persönlichen) Anwendung willen sondern der übertragbaren Muster wegen. Mich interessieren die Intentionen und Motivationen der Menschen, die Wandel aktiv gestalten, und mich treibt die Frage um, wie andere Menschen aktiviert und befähigt werden können, Teil dieses Wandels zu werden. Was braucht es, um die Zukunft selbst zu gestalten? Auf diese Frage suche ich antworten, denn auf Impulse oder gar Weichenstellung von politischer Seite wird die Welt wohl noch lange vergeblich warten.

„Die Konsumchance des Augenblicks ist in einer Welt, die in Zukunft schlechter zu werden droht, äußerst attraktiv.“ ** S.35

Transition ist für mich vor allem eine Quelle von Geschichten und konkreten Möglichkeiten, wie wir – jede* Einzelne für sich – unsere Welt und unsere Zukunft gestalten können und nicht in Ohnmacht versinken ob der gewaltigen Probleme und Herausforderungen. Transition ist ein Portfolio von Aktivitäten, die individuelle Bedürfnisse befriedigen, Erfüllung bieten und Zukunft jenseits der Konsum- und Wachstumsdiktatur lebens- und erstrebenswert machen. Ein Mindset für all die, die keine Befriedigung in den bestehenden Zuständen finden und nach Wegen suchen, sich selbst und der Welt etwas Gutes zu tun.

„Das Leben verläuft im Indikativ und Konjunktive haben die Welt noch nie verändert.“ ** S.5

Transtion ist für mich eine undogmatische und positive Antwort auf die Frage „Was tun?“ – ohne zu missionieren und ohne zu fordern. Transition ist die Kunst, die großen gesellschaftlichen Konjunktive in kleine persönliche Indikative zu verwandeln: innerhalb meiner Interessen und Fähigkeiten Möglichkeiten zu finden mich davon zu befreien, wie ich sein müsste und mich dahin zu verWANDELn, wie ich sein will.

„Fehler lassen sich nicht vermeiden, sie sind Wegmarken auf dem Pfad zu einer besseren Praxis“ ** S.39

Brauchen wir als Transition Town Gruppe ein Selbstverständnis? Sicher, aber kein starres! Unser Selbstverständnis, unsere Haltung und unsere Ziele werden immer wieder neu verhandelt, sonst könnten wir der Dynamik der Bewegung, der Gruppen und der einzelnen Akteure nicht Rechnung tragen. Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich darüber anders gedacht, und ich möchte nicht ausschließen, dass nicht wieder der Zeitpunkt kommt, an dem ich mir wünsche, in einem festen Rahmen konstituiert zu sein. Für den Moment aber meine ich, wir sollten unsere Unvollständigkeit feiern, die Chance nutzen Fehler zu machen, tun, was wir als nützlich, bereichernd oder erfüllend empfinden, dynamisch und wandlungsfähig sein – und uns selbst immer wieder mit einem Augenzwinkern fragen, ob wir gestalten oder nur Gestalten sind.

 

* Männlein, Weiblein und dazwischen
** Harald Welzer in Welzer/Rammler, FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2013 – mit besonderem Dank nach Hannover an Gert Schmidt, der mir dieses Buch nahegebracht und überlassen hat.

— Beitrag überarbeitet am 24.11.2013 —