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Transit-Ion

„Ionen bilden sich aus Atomen, wenn diese Elektronen abgeben oder aufnehmen. Obwohl die Trennung von Ladungen einen Energieaufwand verursacht, können die gebildeten Ionen energetisch günstig sein, wenn sie besonders stabile Konfigurationen haben,…“
http://de.wikipedia.org/wiki/Ion

Vom 03. bis 05. Oktober 2014 fand in Zierenberg nahe Kassel die (Un)Konferenz und das Netzwerktreffen der Transition Initiativen in D/A/CH statt. Die Tage im Zentrum Helfensteine waren eine intensive Erfahrung für mich. Möglich wurden sie durch finanzielle Unterstützung von Aktiven aus dem Transition Town Netzwerk Dresden. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bei all jenen bedanken, die dies möglich gemacht haben. Nicht nur das vollgepackte Programm, sondern vor allem die Begegnungen und Denkanstöße hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck bei mir, drehten sie sich doch vor allem um das eigene Erleben und den inneren Wandel.

„Ionen bilden sich aus Atomen, wenn diese Elektronen abgeben oder aufnehmen.“

Die Atmosphäre auf dem Treffen als „offen“ zu bezeichnen, würde ihr nicht gerecht werden. Gerade in den Workshops war ein (ab)geben und (auf)nehmen zu spüren, das weit über die Offenheit hinaus geht, die sich Unternehmenskulturen gern anheften. Der ganzheitliche Ansatz der Transition-Bewegung („Mit Kopf, Herz und Hand“) war gerade darin zu spüren, dass das oftmals zu wenig berücksichtigte „Herz“ angesprochen wurde. Dem eigenen Erleben und Umgang damit wurde viel Raum gegeben. Dieses (Ab)Geben eigener Erfahrungen und (Auf)Nehmen der Erfahrungen der Anderen bereichert und verändert Perspektiven. Es setzt Impulse frei, die nach Innen oder Außen wirken können.

„Obwohl die Trennung von Ladungen einen Energieaufwand verursacht, …“

Es kostet Energie und Bedarf einer entsprechenden Einstellung, um solche Impulse aufnehmen oder abgeben zu können. Kritik und Geschichten vom Scheitern sind oftmals schmerzhaft und lösen den Reflex aus, die inneren Schutzmauern hochzufahren. Diesem Reflex zu widerstehen, das eigene Scheitern einzugestehen und die Verletzung zuzulassen ist jedoch Voraussetzung, um die Kritik und die Erfahrung wertschätzen zu können. Strebe ich nur nach vorn, bin ich nicht gewillt innezuhalten, zu reflektieren und zu würdigen. Um auch mit dem Herzen dabei zu sein, ist dies aber notwendig. Um uns wirklich begegnen zu können, müssen wir uns verletzbar machen. (Danke Frieder Krups für diesen Satz!)

Wollen wir selbst Impulse für eine nachhaltige Entwicklung setzen, müssen wir über uns selbst und „aus dem Herzen“ sprechen. Nur so können wir beim Gegenüber ein Koheränzgefühl erzeugen und „Kopf, Herz und Hand“ erreichen. In der Salutogenese wird Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess verstanden. Um Vertrauen in den Transition-Prozess hin zu einer „gesunden Gesellschaft“ zu erzeugen, gilt es zu vermitteln, dass a) die uns umgebenden Zustände und Prozesse verstehbar sind, b) wir über die Mittel und Möglichkeiten verfügen, diese zu ändern und die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen und dass c) die dafür benötigte Energie sinnvoll eingesetzt ist und der Aufwand sich bezahlt macht.

„…, können die gebildeten Ionen energetisch günstig sein, wenn sie besonders stabile Konfigurationen haben, …“

Als Transition-Aktive oder Wandel-Engagierte stehen wir oft vor dem Problem, dass wir jeweils nur die erreichen, die ohnehin schon „wandel-infiziert“ sind, aber das ist weniger problematisch, als es uns manchmal erscheint. In der Transition Town Bewegung geht es nicht ums missionieren, sondern darum, positive Ansätze zu bieten, praktische Angebote zu machen und Geschichten vom Wandel zu erzählen. Immer mehr Menschen finden sich in lokalen Initiativen zusammen, lernen voneinander, begegnen sich und bauen soziale Kontakte auf. Mit dem Transition Netzwerk e.V. als Dachorganisation im Deutschprachigen Raum und dem internationalen Transition Network sind Strukturen vorhanden, die die Bewegung stabilisieren und den Austausch fördern.

Für unsere innere Transition müssen wir Ionen vom Kopf zum Herzen und vom Herzen zum Kopf schicken, um mit unseren Händen den Wandel zu gestalten. Wir müssen uns unsere eigene Machtlosigkeit und Unzulänglichkeit genauso eingestehen, wie wir auf unsere Fähigkeit vertrauen müssen, die Welt grundlegend zu verändern. Es liegt in uns und zwischen uns – aber niemals außerhalb. Wir brauchen keine neuen politischen Regeln oder eine neue gesellschaftliche Ordnung dafür, wir müssen es einfach jetzt machen!

Eine Zusammenfassung zu den besuchten Veranstaltungen gibt es auf der Seite der Transition Town Dresden Gruppe unter http://www.dresden-im-wandel.de/beitrag/persoenlicher-bericht-vom-tti-dach-netzwerktreffen-und-unkonferenz-vom-03-05102014

Mission: Transition

Seit über 2 Jahren gibt es eine Transition Town Gruppe in Dresden (hauptsächlich präsent durch die Website http://dresden-im-wandel.de). Immer mal wieder taucht die Frage nach dem Selbstverständnis, der Haltung und den Zielen dieser Gruppe auf, sowohl von Außenstehenden als auch bei den Mitgliedern untereinander. Als Teil dieser Gruppe möchte ich mich zu dieser Frage und Thematik etwas ausführlicher äußern.

Für mich ist Transition schon mal nichts, was sich in wenige Worte fassen lässt – und das finde ich auch gut so. Es beinhaltet so viele Dimensionen und Bereiche, dass der Versuch einer Definition oder Beschreibung mit wenigen Worten es nur unnötig einengen würde. Verbindendes Element ist der Wandel hin zu einer nachhaltigen und resillienten Lebensweise: lokal, bio, fair, ressourcenschonend, selbstgemacht, ganzheitlich, sozial, achtsam – um ‚Transition‘ mit ein paar Schlagworten zu versehen.

„Die Zukunft ist unter der Diktatur der Gegenwart abhanden gekommen.“ ** S.27

Peak-Oil, Klimawandel oder Wachstumsgrenzen spielen für mich eine eher nebengeordnete Rolle. Wichtiger sind mir die Motivatoren auf der persönlichen Ebene: Selbstverantwortung, Selbstentfaltung, soziales Eingebundensein. Ich bin selbst weder im Gartenbau aktiv, noch handwerklich sonderlich begabt, ich weiß nicht viel über alternative Energieerzeugung und kann weder Ver- noch Gebrauchsgüter selbst herstellen. Mich interessieren Prozesse und Verfahrensweisen – nicht der (persönlichen) Anwendung willen sondern der übertragbaren Muster wegen. Mich interessieren die Intentionen und Motivationen der Menschen, die Wandel aktiv gestalten, und mich treibt die Frage um, wie andere Menschen aktiviert und befähigt werden können, Teil dieses Wandels zu werden. Was braucht es, um die Zukunft selbst zu gestalten? Auf diese Frage suche ich antworten, denn auf Impulse oder gar Weichenstellung von politischer Seite wird die Welt wohl noch lange vergeblich warten.

„Die Konsumchance des Augenblicks ist in einer Welt, die in Zukunft schlechter zu werden droht, äußerst attraktiv.“ ** S.35

Transition ist für mich vor allem eine Quelle von Geschichten und konkreten Möglichkeiten, wie wir – jede* Einzelne für sich – unsere Welt und unsere Zukunft gestalten können und nicht in Ohnmacht versinken ob der gewaltigen Probleme und Herausforderungen. Transition ist ein Portfolio von Aktivitäten, die individuelle Bedürfnisse befriedigen, Erfüllung bieten und Zukunft jenseits der Konsum- und Wachstumsdiktatur lebens- und erstrebenswert machen. Ein Mindset für all die, die keine Befriedigung in den bestehenden Zuständen finden und nach Wegen suchen, sich selbst und der Welt etwas Gutes zu tun.

„Das Leben verläuft im Indikativ und Konjunktive haben die Welt noch nie verändert.“ ** S.5

Transtion ist für mich eine undogmatische und positive Antwort auf die Frage „Was tun?“ – ohne zu missionieren und ohne zu fordern. Transition ist die Kunst, die großen gesellschaftlichen Konjunktive in kleine persönliche Indikative zu verwandeln: innerhalb meiner Interessen und Fähigkeiten Möglichkeiten zu finden mich davon zu befreien, wie ich sein müsste und mich dahin zu verWANDELn, wie ich sein will.

„Fehler lassen sich nicht vermeiden, sie sind Wegmarken auf dem Pfad zu einer besseren Praxis“ ** S.39

Brauchen wir als Transition Town Gruppe ein Selbstverständnis? Sicher, aber kein starres! Unser Selbstverständnis, unsere Haltung und unsere Ziele werden immer wieder neu verhandelt, sonst könnten wir der Dynamik der Bewegung, der Gruppen und der einzelnen Akteure nicht Rechnung tragen. Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich darüber anders gedacht, und ich möchte nicht ausschließen, dass nicht wieder der Zeitpunkt kommt, an dem ich mir wünsche, in einem festen Rahmen konstituiert zu sein. Für den Moment aber meine ich, wir sollten unsere Unvollständigkeit feiern, die Chance nutzen Fehler zu machen, tun, was wir als nützlich, bereichernd oder erfüllend empfinden, dynamisch und wandlungsfähig sein – und uns selbst immer wieder mit einem Augenzwinkern fragen, ob wir gestalten oder nur Gestalten sind.

 

* Männlein, Weiblein und dazwischen
** Harald Welzer in Welzer/Rammler, FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2013 – mit besonderem Dank nach Hannover an Gert Schmidt, der mir dieses Buch nahegebracht und überlassen hat.

— Beitrag überarbeitet am 24.11.2013 —