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Die Kunst geht nach Brot … u.U.

Kunst und Kommerz, Künstler und Knack – mit diesem Spannungsfeld setzte sich in diesem Jahr der Cynal e.V. auseinander. Begleitend zur zweiten Ausgabe des #CYNAL Magazins wurden die darin präsentierten, klug ausgewählten Künstler und ihre Arbeiten in einer fünfwöchigen Wechselausstellung vorgestellt – passenderweise in einem Tempel des Konsums, der Centrum Galerie Dresden. Während meiner Aufsichtszeiten konnte ich beobachten, Meinungen einfangen und Gedanken auf mich wirken lassen.

Die Heidi-Crew um Iven Einszehn eröffnete die Ausstellung mit einer Kunstexplosion. Drei Tage, vier Nächte, mehr als achtzig Arbeiten und ein, mit Ausnahme der Decke, komplett gestalteter Raum. Chaos, Antiästhetik, Information Overload. Ein fast schon schreiender Gegensatz zu den sorgsam gestalteten und auf maximale Gefälligkeit getrimmten Schaufenstern und Auslagen des Centers. Neugier und Interesse, aber oft auch Distanz, Kopfschütteln und Ablehnung bei den Passanten.

#CYNAL02 - Aussenansicht Kunstexplosion - Foto: Peter Zimolong

#CYNAL02 Kunstexplosion – Foto: Peter Zimolong

Was ist Kunst? Was darf Kunst? Welchen Sinn, Zweck und Wert hat sie für die Gesellschaft? Und anders gefragt: In welcher Pflicht sind die Künstler, diesen Sinn, Zweck und Wert an die Gesellschaft zu vermitteln? Reicht die Auspreisung („5 Euro, genagelt 8 Euro“ Iven Einszehn) oder ist für die Wertver- und -ermittlung der Zugangs- oder Anbiederungskoeffizient genauso wichtig wie die eigentliche Leistung des künstlerischen Schaffensprozesses? Sollte nicht beides zusammengehören?

Hermann Josef Hack geht nach Brot, beziehungsweise geht er dem Brot nach. Welche sozialen Auswirkungen haben Klimawandel, Nahrungsmittelspekulationen, Rohstoffausbeutung oder die Monopolisierung von Wasser? Und welche Rolle spielt die Kunst dabei? „Kunstsammler, woher stammt euer Kapital?“ lässt er seine Brote Armee Fraktion fragen. Seine Malereien auf Zeltplanen stellen unbequeme Fragen und sind weit davon entfernt, sich als kommerziell zu verdächtigen. „Danke 2050“ – der Künstler spricht und interagiert mit der Gesellschaft, hat etwas mitzuteilen, entkoppelt sich und seine Kunst nicht. Wie auch Sibylle Feucht, die ihren Blick dahin wendet, wo kein Brot zu holen ist und die Gesellschaft nicht hinschauen mag: auf Obdachlosenschlafplätze.

#CYNAL02 - Innenansicht, Hermann Josef Hack - Foto: Peter Zimolong

#CYNAL02 – Hermann Josef Hack – © Peter Zimolong

Was ist Kunst? Was ist die gesellschaftliche Aufgabe der Künstler? Wie kann und sollte die Gesellschaft Künstler in die Lage versetzen, dieser Aufgabe nachzukommen? Wenn es ein Wesen der Kunst ist, unbequem und zweifelnd zu sein, hinterfragend und kritisch betrachtend, kann die Sicherung der Künstlerexistenz nicht „dem Markt“ überlassen werden. Es trägt die Gesellschaft die Verantwortung dafür, dass Künstler sein können, was Kunst sein soll.

Da ich nicht alle Künstler und Werke aufzählen kann: Die Dokumentation der Ausstellung sowie die Künsterportraits sind auf cynal.de zu finden, das #CYNAL02 Magazin kann hier bestellt werden, zum Beispiel um an Weihnachten etwas Muße zu verschenken.

Die meditativen und filigranen Arbeiten von Alexandra Karrasch manifestieren vor allem eins: Zeit. Brot, das am Baum gewachsen ist, Gebilde, zusammengesteckt aus Eierschalenfragmenten, drahtgehäkelte Wandarbeiten, dreidimensionale Worte aus geschichteten Silikonlinien. Der Künstler ohne Druck und Zeitnot, Kontemplation als elementare Bestandteile des Produktions- und Rezeptionsprozesses. In einer Gesellschaft, in der Zeit Geld ist, die nach Stressresistenz strebt und dem Burnout entgegenläuft, ein Luxus, zu dem längst nicht mehr alle Zugang haben.

#CYNAL02 - Baumbrot und geschichtete Worte, Alexandra Karrasch - © Peter Zimolong

#CYNAL02 – Alexandra Karrasch – © Peter Zimolong

Ist Kunst, was Künstler als Kunst deklarieren, Betrachter als Kunst akzeptieren, Galeristen als Kunst kommissionieren oder Käufer als Kunst konsumieren? Ich halte die Frage für falsch gestellt. Kunst ist – und fragt uns, wie wir mit ihr umgehen, welchen Wert wir ihr beimessen, wie viel Freiheit wir ihr zur Verfügung stellen. Und sie fragt die Künstler, wie viel Wert sie ihr bemessen – ob sie sich als Teil der Gesellschaft empfinden, sie die Verantwortung für ihr Schaffen übernehmen und die Vermittlung als Teil ihrer Tätigkeit sehen, oder ob sie sich entkoppeln und, im Geiste Onans, Kunst als Selbstzweck und Verweigerung produzieren.

Gesellschaft und Künstler sind aufeinander angewiesen. Die Gesellschaft gibt das Brot für die Künstler, die, aus sich heraus, Kunst in ihrem Kontext schaffen, sie skizzieren und reflektieren, stabilisieren oder verändern. Ohne Vermittlung entbehrt diese jedoch der Übergabe und erzeugt nicht den Wert, der das Brot rechtfertigt.

Der Kunst ist es freigestellt nach nach Brot zu gehen. Den Künstlern ist es das per se nicht.