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Unternehmerisches Denken

Im Sommer 2011 war ich in Vilnius zu einem Social Business Workshop im Rahmen einer AIESEC-Konferenz „Business 4 good“ eingeladen. Das ganze kam eher zufällig zu Stande aber ich nutzte die Gelegenheit um zum einen die Stadt kennen zu lernen, zum anderen, um meine Erlebnisse und Erfahrungen der zurückliegenden beiden Jahre zu reflektieren.

Eigentlich wollte ich über echo.to sprechen, nach Menschen suchen, die die Plattform nutzen und mit Leben füllen, wollte die Idee verbreiten. In den Tagen vorher, die ich zum Teil im HUB Vilnius verbrachte, sah ich, wie jung, lebendig und dynamisch die Startup-Szene da ist – und wie idealistisch und blauäugig (mir fällt kein passenderes Wort ein für den Enthusiasmus und die Verträumtheit). Ich beschloss, meinen geplanten Vortrag über den Haufen zu werfen und stattdessen pragmatische Regeln für unternehmerisches Denken vorzustellen und zu diskutieren. Nicht jeder* kann der neue Steve Jobs oder Mark Zuckerberg werden – aber es muss auch nicht „the next big thing“ sein, um erfolgreich und erfüllt unternehmerisch tätig zu werden.

Die Regeln kurz erläutert:

Es geht nicht um die Geschichten erfolgreicher Unternehmer, sondern die Muster dahinter. Die Biografie von Richard Branson oder Steve Jobs verrät wenig darüber, was sie erfolgreich gemacht hat. Erst im Vergleich und der Suche nach Gemeinsamkeiten ergeben sich die Muster, die etwas über Erfolg verraten. (Eigensinnigkeit zum Beispiel ;o))

Es geht nicht darum, die Zukunft vorher zu sagen, sondern die kommenden Entwicklungen zu antizipieren. Vorhersagen werden größtenteils scheitern, Flexibilität zu wahren, um auf Entwicklungen schnell reagieren zu können, ist die Kunst und das Gebot.

Es geht nicht ums Reichwerden, sondern um Leidenschaft. Wer etwas aus Gewinn- oder Erfolgsstreben macht, wird über kurz oder lang scheitern. Langfristigen Erfolg haben nur die, die ihre Leidenschaften und Überzeugungen ausleben. Denn sie sind gegen Rückschläge wesentlich resistenter (und treffen bessere Entscheidungen). Finde deine Leidenschaften, dass, was dich ausfüllt und setze nicht auf das, wovon du dir (schnellen) Reichtum versprichst!

Es geht nicht um Kunden, sondern um Unterstützer. Gerade am Anfang kommt es darauf an, Menschen zu finden, die die eigenen Ideen unterstützen. Kunden wollen ein funktionierendes Produkt, Unterstützer wollen helfen, Ideen zu verwirklichen und in die Welt zu bringen. Wer nach Kunden sucht und in Kundengruppen denkt, wird auch nur Kunden finden – und diese gerade anfangs nicht zufriedenstellen können. Finde die Menschen, die dir helfen können, nicht die, die (potentiell) bereit sind, für deine Leistung zu zahlen!

Es geht nicht um Gewinn sondern um Mehrwert. Wer zu viel darüber nachdenkt, wie und wie viel Geld verdient werden kann, wird nicht erfolgreich sein. Das Hauptaugenmerk sollte darauf liegen, was der Kunde oder Nutzer davon hat und wie dieser Mehrwert so weit wie möglich gesteigert werden kann. Geld verdient wird erst, wenn das Produkt oder die Dienstleistung angenommen wird.

Es geht nicht darum, eine brillante Idee zu haben, sondern ein starkes und funktionierendes Geschäftsmodell. Gute Ideen kann jeder haben und brillante Ideen gibt es wie Sand an Meer. Wenn diese nicht in funktionierende und tragfähige Geschäftsmodelle „übersetzt“ werden, nützen sie gar nichts. Nur ein Bruchteil der Startups schafft es bis zur Finanzierung und nur ein kleiner davon etabliert sich. Alle Faktoren müssen stimmen, nicht nur die Idee.

Es geht nicht ums verkaufen, sondern um das Lösen von Problemen. Aus der Vielzahl der Unternehmen und Geschäftsideen werden sich nur diese durchsetzen, die ein echtes Problem lösen. Bevor sich Gedanken über Kommunikation, Markteintritt, Vertrieb und Einnahmemodelle gemacht wird, steht die Frage im Vordergrund: Welches Problem löse ich? Und löse ich es wirklich? Ist das Problem nicht drängend genug oder wird es nicht umfassend gelöst, werden alle anderen Überlegungen hinfällig.

Es geht nicht darum, einzigartig zu sein sondern darum, den Wettbewerb zu kennen. Natürlich ist der USP ein wesentliches und wichtiges Element. Aber ohne Kenntnis und Analyse der Wettbewerber wird dies nicht gelingen. Wer löst das Problem noch? Auf welche Weise? Wo sind die Schwachstellen und der Verbesserungsbedarf? Nicht immer ist anders wirklich besser.

Es geht nicht darum ein Geheimnis zu bewahren sondern darum, Feedback zu erhalten. Verschwiegenheit kann wichtig sein, aber ohne Feedback zu den eigenen Ideen und Ansätzen gibt es keine qualifizierte Überprüfung und Weiterentwicklung. Statt still und heimlich im eigenen Kämmerlein zu brüten, ist es wichtig, nach draußen zu gehen und sich Meinungen und Ansichten einzuholen. Besser die eigenen Idee verwerfen und neue Ideen zu suchen als mit viel Zeit, Geld und Energie etwas zu schaffen, was nicht angenommen wird. Und keine Angst vor Ideenklau – es gibt sie wie Sand am Meer und kaum jemand wird Ressourcen in eine Idee stecken, die er nicht selbst hatte.

Es geht nicht darum, zu scheitern oder nicht, es geht darum, zurück zu kommen. Scheitern ist vorprogrammiert, ist gut und ist wichtig. Denn aus Fehlern lernt man viel mehr als aus Erfolgen. Jeder scheitert – wer es bis jetzt noch nicht getan hat, wird es später tun. Wichtig ist, daraus zu lernen, nicht aufzugeben, weiter zu machen, es erneut zu versuchen.

Es geht nicht darum fertig zu werden, es geht darum zu verbessern. Es wird kein Stadium geben, in dem ein Unternehmen oder Produkt wirklich fertig oder abgeschlossen ist. Es gibt immer etwas zu verbessern, anzupassen, weiterzuentwickeln. Daher sollte nicht das Ziel sein, erstmal alles fertig zu haben, bevor aus an den Markt gebracht wird.

Es geht nicht darum zu zahlen oder nicht, es geht darum in welcher Währung. Ob Produkte oder Dienstleistungen – nichts ist kostenlos. Auch wenn kein Geld dafür fließt, wird dafür bezahlt. Mit Aufmerksamkeit oder Information, mit Daten, Wissen oder Reputation. Zu wissen, in welcher Währung man selbst bezahlt wird oder selbst zahlen kann bzw. muss, hilft bei der Definition von Geschäftsmodellen und dabei, herauszufinden, ob Geschäfte attraktiv oder unattraktiv sind. Wer nur auf Geld fokussiert, schränkt sich selber ein.

Und die letzte und vielleicht wichtigste Regel:
Dinge entwickeln sich immer langsamer als man erwartet aber Umstände ändern sich schneller als man denkt!

 

Friendraising statt Fundraising – Eindrücke vom Fundraising2.0Camp in Berlin

Am 21.01.2011 fand in Berlin zum zweiten Mal das Fundraising2.0Camp statt. Weitere Infos dazu gibt es auf der Mixxt-Community-Seite, der Facebook-Seite und unter dem Twitter-Hashtag #frc20. Da jede Session dokumentiert wurde, wird es sicher auch eine Aufbereitung geben. Ich möchte mich daher auf meine Eindrücke und Gedanken konzentrieren.

„Friendraising statt Fundraising“ war für mich die zentrale Aussage. Neben den „üblichen Verdächtigen“ – Sessions zu Social Media, Online-Fundraising, Facebook-Nutzung etc. – kam auch immer wieder das Thema durch, was gutes Fundraising abseits der Tools und Kits denn ausmacht und welche Auswirkungen die Veränderungen in der Mediennutzung und im Kommunikationsverhalten auf die Fundraising-Arbeit haben.

„In erster Linie geht es darum Beziehungen aufzubauen.“ war immer wieder zu hören. Darum ging es mit Sicherheit auch schon in der Vor-Web2.0-Zeit aber durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen sich neue Wege. Wie diese beschritten werden können, ist für viele noch nicht klar gewesen. Auch das „erst die Menschen, dann die Spenden“ kommen, folgt diesem Tenor und tatsächlich merkte man vielen an, dass ihnen der Inhalt ihrer Tätigkeit – der Zweck, für den sie Fundraising betreiben – wirklich am Herzen liegt und sie diesen mit Leidenschaft vermitteln.

Um so überraschter war ich, dass in der letzten Session das Thema Werte und Inhalte kritisch und mit Verve auf den Tisch geknallt wurde.
(Die Session wurde von Jörn Georg aus Hamburg gehalten, würde gern auf ihn verlinken, …) 

In drei provokanten Thesen wurde die versammelte Fundraiserschaft mit ihrem Tun konfrontiert:

„Systemisch Wirken statt systematisch Arbeiten“ – nicht Strukturen etablieren sondern temporäre Initiativen fördern
„Echte Werte statt falsches Geld“ – nicht Gelder und Kontakte sammeln sondern (Wissen, Informationen, Aufgaben etc.) teilen, mitteilen und verteilen.
„Einlasswandel statt Ablasshandel“ – echte Beziehungen aufbauen, mehr „fordern“ als nur Geld, Aktivitäten und Engagement fördern

Mit diesen Thesen konfrontiert, setzte bei einigen der Rechtfertigungsreflex ein und fast alle waren „gekitzelt“ Stellung zu beziehen. Rege und teils vehemente Wortmeldungen folgten … für mich die mit Abstand beste Session des Tages.

Die Kritik wurde durchaus positiv und konstruktiv aufgenommen. Das kalkulierte „Abschöpfen“ gerade älterer Menschen zur Weihnachtszeit kam genauso zur Sprache wie der Unwille mancher Organisation, Freiwillige in ihre Arbeit zu integrieren oder die Notwendigkeit zu Hinterfragen, aus welcher Quelle so manche Spende kommt. Andererseits ist es beispielsweise schwierig, das freiwillige Engagement hier, Projekten in Entwicklungsländern zu Gute kommen zu lassen. Geld lässt sich wesentlich leichter transferieren. Auch muss der Aufwand für die Koordination der Freiwilligen bewältigt werden. Fachwissen wird wesentlich häufiger benötigt, als die „helfende Hand“.

Zwei Dinge habe ich für mich aus dieser Session mitgenommen: Man sollte ruhig mal provozieren und polarisieren, damit bekommt man richtig gute und engagiert geführte Diskussionen losgetreten aus denen sich auch die Beteiligten wirklich etwas ziehen können. Und Fundraiser kämpfen ein bisschen mit ihrem Bild und Selbstverständnis, was der Satz „Man muss sich als Fundraiser nicht dafür schämen, Geld einzusammeln.“ sehr schön impliziert. Dazu passend auch die (eigentlich rhetorische) Frage, die in dieser Session aufgeworfen wurde: „Wenn du als Fundraiser feststellst, dass eine andere Organisation deinen Kampagnenzweck besser umsetzt, würdest du ihr das Geld geben?“

Das bringt mich auch zu dem, was mir insgesamt bei diesem Fundraising2.0Camp gefehlt hat: Die nachhaltige finanzielle Tragfähigkeit von Projekten. Es wurde zwar über den Aufbau und die Notwendigkeit nachhaltiger Beziehungen zu den Spendern/Unterstützern gesprochen. Wie sich aber Projekte so gestalten lassen, dass das Fundingvolumen verringert wird oder wie diese über längere Sicht finanziell unabhängig werden können, war kein Thema. Dabei würden Social Entrepreneurship Modelle einige Probleme lösen, mit denen Fundraiser konfrontiert sind, wie Argumente für potentielle Spender oder Erfolgsmessung und -kontrolle. Vor allem aber setzen sie Mittel frei, die in andere Projekte fließen können. Vielleicht war und ist das FundraisingCamp – wie mir mitgeteilt wurde – nicht der richtige Rahmen, ich werde es als Session-Idee für das nächste Jahr aber im Hinterkopf behalten.