Peters Gesetze – Warum die Welt nicht aufhört sich weiter zu drehen

Peter’s Laws beschäftigen mich, seit ich ihnen vor ca. 5 Jahren das erste mal begegnet bin. Seit einiger Zeit stellte sich mir die Frage, was die Transition Town Bewegung daraus lernen könnte, so brachte ich sie als Impuls in das diesjährige Strategietreffen der Transition Town Gruppe Dresden mit. Kurz darauf hatte ich noch die Gelegenheit, sie bei der 22. Socialbar Dresden zur diskutieren. Aus den Gesprächen und Impulsen resultiert nun – als Zwischenstand der Debatte – dieser Beitrag.

Genau wie die Transition Town Bewegung strebt die technologische Singulartität einer Zukunftsvision entgegen, die das Versprechen des Besseren in sich trägt und Ressourcen mobilisiert, um diese zu erreichen. Während die technologische Singularität in der Beschleunigung, Expansion und dem „Griff nach den Sternen“ ihren Weg sieht, geht es der Transition Town Bewegung um Entschleunigung, Kreisläufe, Reduktion und Subsistenz, oder – um im Bild zu bleiben – darum, die Hände in den Boden zu stecken. Zwei gegenläufige Zukunftsvisionen, die sich zwar nicht grundsätzlich aussschließen, aber völlig unterschiedlichen Werten und Denkmustern entspringen. Beiden gemein ist, dass sie Glaube und Leidenschaft der beteiligten Akteure voraussetzen und als gesellschaftliche Projekte betrachtet werden können.

Peter Diamandis, der Namensgeber der Gesetze, ist einer der prominentesten Akteure der Singularity-Bewegung. Er ist in zahlreiche „Singularity Projekte“ involviert sowie ein charismatischer Redner und Impulsgeber. Sein Talk „The best way to predict the future is to create it yourself“, gehalten 2010 im Rahmen der Singularity University, war und ist einer der inspirierensten Vorträge, dich ich bisher gesehen habe. Darin stellt er einige seiner „Gesetze“ vor, die für mich ein starker Anstoß zur Reflexion waren, auch wenn ich weder alle Punkte nachvollziehen konnte, noch der grundsätzlichen Haltung darin zustimme.

Mir stellte sich die Frage, ob es so etwas wie Grenzen tatsächlich gibt oder ob sie nur ein Konstrukt unserer Gedanken/unseres Geistes sind. Mein Schluss war, dass dies eine Frage der Verortung im eigenen Bezugsrahmen ist. Während die Transition Towns die Erde als natürlichen Bezugsrahmen betrachten, ist es für die Singularianer die Unendlichkeit des Weltraumes. Über die Existenz eines Gottes, die Verbundenheit mit Pachamama oder die Demut, die die Bedeutungslosigkeit des eigenen endlichen Seins gebietet, sind sie schon lange hinweg oder ignorieren sie zumindest glaubhaft. Entsprechend „dankbar“ war ich, als ich alternativ zu dem von Peter Diamdis gewählten Subtitel „The Creed of The Persistent and Passionate Mind“ (in etwa: „Das Credo des ausdauernden und leidenschaftlichen Geistes“) folgenden fand: „The Creed of the Sociopathic Obsessive Compulsive“ (in etwa: „Das Credo des soziopathischen Zwangsneurotikers“). Peter’s Laws zeichnen eine Haltung, die weder Rücksichtnahme oder Achtsamkeit noch Altruismus oder Selbstreflexion kennt, sondern Erfolgs- und Geltungsdrang überhöht – zum Wohle oder im Namen der gesamten Menschheit.

Nichtsdestotrotz: Um im „ausgerufenen“ Wettbewerb um die Deutungshoheit einer zukünftigen Entwicklung mitspielen zu können, sollte man seine „Gegner“ kennen. Und warum sollte es ihnen überlassen sein, sich diesen Geltungsanspruch anzueignen? Zudem: Aus der Projekt-Perspektive finden sich hier ein paar grundlegende Regeln, die zu beachten unerlässlich ist. Sowohl für den bzw. die Einzelne*n als auch für Teams/Gruppen und die gesamte Transition Town Bewegung verorten sich Peters Gesetze zwischen höchster Banalität und tiefster Wahrheit – immer geeignet, einen Anstoß zu geben und immer geeignet, das eigene Handeln einer kritischen Prüfung zu unterziehen oder neu zu justieren.

In einem Impulsvortrag habe ich verschiedene der Gesetze herausgegriffen und zur Debatte gestellt. Wie sich zeigte, sind Wahrnehmung und Einordnung stark von den individuellen Erfahrungen und Hintergründen abhängig.

1 If anything can go wrong, fix it … to hell with Murphy!
Schon allein der Anspruch, alles was schief gehen könnte im Vorfeld zu beheben, stieß in den Diskussionen auf Widerspruch. Hier zeigt sich die zu Grunde liegende Haltung sehr deutlich: Alles ist machbar, alles ist beherrschbar. Wenn etwas schief geht, warst du nicht gründlich genug (9 Perfection is not optional). Dass es Auswirkungen geben kann, die wir derzeit noch nicht erfassen oder verstehen können, scheint erstmal nicht einkalkuliert. Andererseits: Wenn wir immer nur zögern und Bedenken vor uns hertragen, kommen wir auch nicht weiter. Wenn wir die Möglichkeit ausschließen zu scheitern und Fehler zu machen, lähmen wir uns und berauben uns der Chance aus Fehlern zu lernen. Gesetz 25 weißt explizit darauf hin (Fail early, fail often, fail foreward). Letztlich geht es darum, die ständigen „Aber … “ und „Das Problem ist …“ Einwände zu entkräften. Wenn du ein Problem siehst, finde eine Lösung – und finde heraus, ob sie funktioniert.

2 When given a choice … take both!
In meinen Augen eines der gefährlichsten Gesetze, wenn wir bedenken, dass Entscheidungen oft Konsequenzen haben, die sich auf unsere persönlichen Ressourcen auswirken. Uns stehen pro Tag im besten Fall 12-14 Stunden zur Verfügung und das auch nicht dauerhaft. Überarbeitung ist gerade im Engagement-Bereich ein ernsthaftes Problem. Lieber eine Option richtig als zwei mit halber Kraft … Andererseits: Wenn wir noch nicht wissen, welche Option sich wie entwickeln wird, wäre es nicht besser an beiden weiter zu arbeiten?
Spannend ist hier auch die Diskussion, wie dieses Gesetz zu interpreterien ist, wenn sich Wahlmöglichkeiten gegenseitig ausschließen. Wo bleiben Moral und Aufrichtigkeit, wenn es darum geht, Position zu beziehen?

7 If you can’t win, change the rules! / 8 If you can’t change the rules, ignore them!
Moral und Aufrichtigkeit stehen auch hier zu Debatte, nur: Wer macht(e) die Regeln? Können wir das neoliberale/kapitalistische Paradigma überwinden, wenn wir uns an seine Regeln halten? Gesellschaften entwickeln unter anderem dadurch weiter, indem bestehende Konventionen gebrochen werden. SoLaWis oder die Open Source Economy sind Beispiele, wie Regeln geändert werden können. Einige urbane Gärten konnten nur entstehen, weil Regeln ignoriert wurden. Wenn wir jedoch das „gewinnen“ als Sieg über jemanden oder etwas anderes verstehen, haben wir im Grund alle verloren.

19 You get what you incentivize!
Hier gibt es in meinen Augen wenig zu diskutieren, aber viel zu beachten. Das Verhalten, dass ich belohne, wird mir verstärkt angetragen. Das gilt für das individuelle Verhalten genauso wie für das kollektive. Ob bewußt oder unbewußt spielt dabei keine Rolle. Bewußt darauf zu achten, was ich belohne und bewußt zu belohnen, was mir und meinen Anliegen/Intentionen/Zielen zuträglich ist, ist ein Schlüssel, um diese zu erreichen. Nicht umsonst spielt das Feiern im Transition-Prozess eine wesentliche Rolle.

24 Without a target you’ll miss it every time!
Es mag banal klingen und mir ging es lediglich darum, sich innerhalb einer Gruppe bewußt auf Ziele ab- und einzustimmen – in der Diskussion wurde dieses Gesetz jedoch stark hinterfragt: Brauche ich ein Ziel? Muss ich immer ein Ziel haben? Ist es nicht bereichernd und für die eigene Entwicklung sogar förderlich, ohne Ziel zu sein und aufnehmen zu können, was einem begegnet?
Persönlich glaube ich, dass es immer ein Ziel gibt. Ob bewußt oder unbewußt, rational oder irrational ist eine andere Frage. Dieses Ziel zu (er)kennen und hinterfragen zu können, ist der erste Schritt, um es zu erreichen. Wer lieber ohne Ziel ist, hat damit irgendwie ja auch ein Ziel: Kein festes Ziel zu haben, sich treiben zu lassen und Inspirationen annehmen zu können.

25 If you can’t measure it, you can’t improve it!
Ein Klassiker des Projektmanagements, der gerade in den Kreisen, die Wert auf innere und qualitative Prozesse legen, stark umstritten ist. Wahr ist die Aussage in meinen Augen trotzdem: Erst durch die Messbarkeit werden Ergebnisse objektvierbar und vergleichbar. Je nachdem, welche Ziele ich verfolge, kann dies sinnvoll und notwendig sein. Muss es aber nicht – insbesondere dann, wenn es um individuelle innere und/oder qualitative Ziele geht. Sobald wir uns im kollektiven Kontext bewegen, können wir auf Messbarkeit nicht mehr verzichten.

(29) If it is worth doing it, it should be done / (XX) If it can be done, someone will!
Ein Gesetz (29), dass in der aktuellen Fassung nicht mehr zu finden ist, dass ich als Entscheidungshilfe aber wertvoll finde. Versprechen wir uns etwas wert- oder substanzhaltiges davon, dass die Aufgabe erledigt wird? Dann sollte sie auch erledigt werden.
Losgelöst davon habe ich ein weiteres „Gesetz“ eingeschmuggelt: Wenn etwas getan werden kann – und sei es noch so unsinnig, unnötig oder schädlich, es wird sich jemand auf dieser Welt finden, der es macht. Dessen sollten wir uns gewahr sein. „Besser wir machen es als jemand anderes“ ist eine faule Rechtfertigung. Jedoch anzunehmen, dass die Menschen so vernünftig sind, dass sie etwas nicht machen werden, ist leider zu bequem.

12 Don’t walk when you can run! / 16 The faster you move, the slower time passes, the longer you live!
Verliere keine Zeit! Gehe vorwärts, so schnell und so weit du kannst. Nahezu ewiges Leben wird dir beschert sein! Diese beiden Gesetze zeigen noch einmal die Haltung und den Glauben der Singularianer. Ob wir in einer Welt leben wollen, die von Geschwindigkeit, Beschleunigung, Vorwärtsstreben dominiert ist, oder ob wir auch mal stehen bleiben wollen, uns umschauen, hinterfragen, genießen und feiern wollen, muss (und kann auch nur) tatsächlich jede*r für sich selbst beanworten.

Mir persönlich würde die Welt besser gefallen, wenn sie sich öfter mal Zeit ließe, nach rechts und links und auch mal zurück schauen würde (auf die, die nicht mithalten konnten), wenn sie nicht immer nach mehr, höher, schneller, weiter streben würde – aber was interessiert es die Welt, dass ich sie gern mal für einen kurzen Moment anhalten würde. Wer bin ich, das zu versuchen? Andererseits: 20 If you think it is impossible then it is … for you!

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