Archiv für den Monat: Oktober 2013

Was uns gehört! – Reflexionen zum 5. Umundu-Festival

Vom 10. bis 19. Oktober 2013 fand zum fünften Mal das Umundu Festival für global nachhaltigen Konsum in Dresden statt. Der Themenfokus in diesem Jahr waren „Gemeingüter / Commons“. In über 70 Veranstaltungen – Vorträge, Filme, Workshops, Ausstellungen, Aktionen – wurde das Thema von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Das komplette Programm hier als pdf.

Wem gehört der Fisch?

Wie in den letzten Jahren auch, konnte ich leider nur einen ganz kleinen Teil der Veranstaltungen besuchen – und auch wie in den letzten Jahren haben es diese wenigen Veranstaltungen geschafft, mich zu inspirieren, zu motivieren und fühlen zu lassen, dass Bewusstsein für und Wille zu Veränderungen in unserer Gesellschaft wachsen – und wir das wirklich schaffen können!

Herausgeragt hat für mich gleich zu Festivalbeginn der Vortrag von Silke Helfrich „Commons – eine Erzählung für das 21. Jahrhundert“. In 4 lebendigen Geschichten erzählte sie, was Gemeingüter sind, welche Bedeutung sie haben und wie sie geschaffen, bewahrt und im besten Sinne genutzt werden können. Ein freier und lebendiger Vortrag, der nicht wegen des eigentlichen Inhalts sondern aus einem anderen Grund für mich besonders war: Es ging um die Bedeutung von Geschichten. Eingangs sagte sie sinngemäß: „Wir glauben alle an und wir leben alle nach Geschichten. Geschichten darüber, wie unsere Welt funktioniert. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir Geschichten davon erzählen, wie es anders gehen kann.“

Das Thema „Storytelling“ beschäftigt mich schon eine Weile, aber erst da, in diesem Moment wurde mir die volle Macht und Bedeutung von Geschichten bewusst – und das hatte noch einen anderen Hintergrund: Einige Tage zuvor besuchte ich auf dem ersten Politikfestival in Paretz einen Workshop von Matthias Berg. Auch hier ging es um die Macht von Geschichten, nach welchen Mechanismen sie funktionieren, welchen Mustern sie folgen und welche Kraft sie auf Menschen entfalten. Es war faszinierend zu sehen, wie zum kommunikativen Kern einer Kampagne vorgedrungen wurde und wie aus diesem eine Geschichte erwuchs, die weit mehr transportierte als die rationalen Fakten, Motive und Begründungen, die die Kampagne unterstützenswert machten.

Wem gehört die Luft?

Silke Helfrichs Impuls, wie tief Geschichten unser Leben und unserer Gesellschaft prägen, verbunden mit der Fähigkeit, den Kern einer Neuausrichtung offen zu legen und diesen in eine neue Geschichte zu kleiden, die nicht nur den Kopf sondern die Herzen der Menschen erreicht, lässt die große Hoffnung, dass wir als Gesellschaft lern- und wandlungsfähig sind, in reale – fast greifbare – Nähe rücken.

Das alles hat erstmal nichts mit Gemeingütern zu tun und ich habe auch mehr oder weniger bewusst versucht, mich diesem Thema nicht zu sehr zu nähern. Mich beängstigt so schon, was ich über Luftverschmutzung, Bodenübernutzung, Überfischung, Meeresverschmutzung, Regenwald-Rodung oder Saatgutverordnungen weiß, dass ich vermutlich verrückt werden würde, ob der Sinnlosigkeit des dahinter stehenden Gewinnstrebens und der Hilflosigkeit, mit der mensch dem gegenübersteht. Wohltuend waren da die Utopien eines anderen Lebens, die in der Motorenhalle das Riesa efau gezeigt wurden oder die spürbare Motivation der Workhop-Teilnehmer zu alternativen Konsumkonzepten.

Gemeingüter gehören uns allen und wir können ihren Nutzen – für uns selbst – maximieren, in dem wir sorgsam und verantwortungsvoll damit umgehen. So wie das Umundu-Festival ein Gemeingut ist: von Bürgern initiiert, gestaltet, getragen, für Bürger, um sich zu informieren, inspirieren und motivieren zu lassen, um mitzufeiern und mitzugestalten. Impressionen sind unter anderem auf dem Umundu-flickr-Account zu finden oder in diesem Storify hier.

Wem gehört der Boden?

Ein Riesendank geht an all die Umunder@s, die mit ihrem Engagement und Herzblut dieses Festival wieder möglich gemacht und all die kleinen und großen Hürden gemeistert haben. Ich freue mich jetzt schon auf die Vorbereitungen und das Festival im nächsten Jahr mit Euch!

Nichts Neues!? – Gedanken zum 1. Stadtcamp Dresden

Nichts Neues ist es schon mal, dass ich mich mit der Formulierung eines Resumees zum StadtCamp Dresden schwer tue. Ein Indiz dafür, dass ich ohne konkrete Ergebnisse oder einen vorherrschenden Eindruck herausgegangen bin. Natürlich bin ich im Nachhinein klüger, schon alleine um die Erfahrung und es sind viele Eindrücke geblieben. Da ich schon mehrere Barcamps besucht habe und den Freiraum Elbtal schon eine Weile kenne, war ich nicht ohne Erwartungen. Manche wurde übertroffen, manche Erwartung hat sich erfüllt und manche nicht (was durchaus zu hoffen gewesen war – Dauerregen zum Beispiel). Nichts Neues also.

Als Pauschalfazit wäre es aber deutlich zu kurz gegriffen und würde den beiden Tagen nicht gerecht. Zumal das StadtCamp an sich ja schon etwas Neues war, ein StadtCamp gab es bisher noch nicht. Auch für viele Teilnehmer* wird so manches neu gewesen sein: das erste Barcamp, das erste mal selbst eine Session angeboten oder initiiert, das erste mal im Freiraum Elbtal – und neue Ideen, Aspekte oder Perspektiven aus den Sessions und Gesprächen.

Auch wenn “Stadt” nicht gerade mein Thema ist und ich wenig Substantielles dazu beitragen kann, habe ich als “Stadtmensch” eine Kompetenz als Betroffener, habe Wünsche und Anforderungen an “meine” Stadt, die ich formulieren und mit denen anderer Teilnehmer* in Beziehung setzen konnte. Stadt ist nicht nur der Raum, sondern auch das Dazwischen, die sozialen Verflechtungen der Menschen, die den Raum füllen. Stadt ist ihre Bewegung, ihre Versorgung, ihr Miteinander. Wie können wir Stadt neu denken? Wie wollen wir unsere Stadt im Jahr 2030? Aber auch die aktuellen Themen: Freiraum Elbtal, Bandhaus Reick, Urbane Gärten, uvm.

Themen, die nicht ohne andere Akteure, (Verwaltung, #StaDDrat, Eigentümer), behandelt werden können. Eine Herausforderung liegt darin, in einen Dialog zu gehen und ihre Sichtweisen zu verstehen. Wenn wir glauben Veränderungen ohne oder gar gegen sie bewirken zu können, werden wir es sehr schwer haben. Man konnte nicht davon ausgehen, dass – mit zwei Ausnahmen  Applaus! – Vertreter* anderer Einflussgruppen (Wirtschaft, Tourismus, Verkehr, Verwaltung, Politik) zum StadtCamp finden. Insofern ist es nichts Neues, dass kein interdisziplinärer Dialog möglich war.

Trotz des hervorragend vorgetragenen Manifests, echte Aufbruchstimmung kam bei mir nicht auf. Aber ich habe viel Interesse und den Willen zur Teilhabe und Mitgestaltung gesehen. Wenn sich aus den Sessions und Gesprächen die Erkenntnis herausbildet, dass Vernetzung und Kooperation nicht nur sinnvoll sondern notwendig ist, und dass empathischer Dialog und konstruktiver Diskurs mit allen Einflussgruppen geführt werden muss (auch mit denen, mit denen man persönlich nicht sympathisiert), um Veränderungen im Stadtraum zu bewirken, kann aus diesem StadtCamp viel Neues hervor gehen.

Ich persönlich wünsche mir eine Fortsetzung und damit stehe ich sicher nicht alleine da. Und ich wünsche mir ein breiteres Teilnehmer*feld (wenn wir schon mal beim Wünschen sind) mit mehr Input aus und Diskurs mit den verschiedenen Einflussgruppen. Wir (“Dresden”) können zeigen, dass mit einem offenen Format wie dem Barcamp ein Ideen- und Wissenstransfer möglich ist, der Veränderungsprozesse initiiert oder optimiert, konkrete Projekte anstößt und “die Stadt” mit “den Bürgern” näher zusammenbringt – das wäre dann wirklich etwas Neues.

* Männlein, Weiblein und dazwischen

 

Hier noch mein PresencingStatus

Good:

  • neue Gesichter und viele Erstkontakte mit Barcamp oder Freiraum Elbtal
  • Suuuuuper Organisation!
  • hohe Dynamik und Beteiligungsbereitschaft

Tricky:

  • wenige Einflussgruppen / geringer Wirkkreis
  • Verhältnis Gesprächsrunden zu Input-Sessions (hätte mir mehr Informations- und Wissenstransfer gewünscht)
  • die eigene Session (Samstag, hab ich vergurkt)

Learnings:

  • Meta-Ebene (Was + Wie = Warum) muss trainiert werden
  • Formulieren der eigenen Position schwierig aber wichtig
  • Vernetzung und Netzwerkarbeit “ausbaufähig”

Next Steps:

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Stadtcamp Dresden im Mai 2013. http://www.stadtcamp.de/nichts-neues/223